Islamische Philosophie, Ethik, Mystik
Die islamische Philosophie ist durch den Kontakt mit anderen Kulturen entstanden, wobei die koranischen Anweisungen zum Nachdenken über Mensch und Natur und die Bedürfnisse des islamischen Gemeinwesens diesen Prozess der Entstehung der Philosophie in der islamischen Kultur maßgeblich beeinflusst haben. Auf der Grundlage der Übersetzung, Rezeption, Assimilation und Weiterentwicklung der antiken und griechischen Philosophie durch Muslime entwickelten sich die arabisch-islamischen Wissenschaften selbständig weiter und erreichten auf den verschiedensten Gebieten lange Zeit einen hohen Standard. Dabei entstanden Teildisziplinen wie z.B. die Erkenntnistheorie, Politische Philosophie und Seelenlehre, zu denen verschiedene Theorien von bedeutenden Philosophen wie al-Kindi, al-Farabi, Ibn Sina oder Ibn Ruschd (Averroes) aufgestellt und Standardwerke verfasst wurden. Auch Kernthemen wie das Verhältnis von Offenbarung und Vernunft wurden eingehend diskutiert.
In der Moderne entstanden in der islamischen und westlichen Welt verschiedene islamisch-philosophische Strömungen. Diese haben sich sowohl mit ihren eigenen philosophischen Traditionen auf der Suche nach einer islamischen Aufklärung als auch mit der westlichen Philosophie auseinandergesetzt, um neue Ansätze zu entwickeln und das islamische Denken zu erneuern. Zu den modernen philosophischen Strömungen im islamischen Kulturkreis gehört u.a. die Mulla Sadra Schule, die noch bis heute sehr stark im Iran verbreitet ist und mit der modernen Philosophie verschiedene Synthesen eingegangen ist.
Als eine eigenständige Disziplin und dennoch nicht unabhängig von der islamischen Philosophie entwickelte sich die islamische Ethik. Ihre Grundsätze und Leitlinien vom Koran und von der prophetischen Sunna herleitend, wurde sie später mit Hilfe der verschiedenen islamisch-theologischen Wissenschaften und der griechischen Ethiktraditionen (z.B. Tugendlehre von Aristoteles und Platon) systematisiert. Der Versuch einer Synthese von hellenistischem Erbe und Islam lief jedoch nicht immer harmonisch ab. In diesem Sinne beschäftigte man sich auch mit dem Konflikt zwischen rationalistischer Ethik und der Begründung des offenbarten Gesetzes. Daneben standen theologische Themen wie die Prädestination Gottes und der freie Wille des Menschen, Gut und Böse und die Allmacht und Gerechtigkeit Gottes im Zentrum der Diskurse.
Die islamische Mystik, die aus einer asketischen Bewegung heraus entstanden ist und auf innere existentielle Erfahrung gründet, stellt die innere Dimension des Islams und die Läuterung der Seele des Menschen ins Zentrum und weist somit auch ethische Implikationen auf. In diesem Zusammenhang entwickelten islamische Mystiker ihre eigenen Theorien und Diskurse über das Menschen- und Gottesbild, die Gottesliebe und den Weg zur Vervollkommnung des Menschen, die über verschiedene geistige Stationen und Zustände erreicht wird.
Im Kontext wertpluraler und globaler Gesellschaften sind neue politisch-soziale, interreligiöse, genderspezifische oder befreiungstheologische Ansätze entstanden, die durch die islamische Philosophie, Ethik und Mystik begleitet werden. Zum Beispiel werden im Bereich der Ethik Themenfelder wie Medizin- und Bioethik, Wirtschaftsethik oder Toleranzethik erschlossen und kontrovers diskutiert.
