Die Kollegiaten und ihre Dissertationsthemen

Noha Abdel-Hady
Universität Hamburg
Betreuerin: Prof. Dr. Katajun Amirpur
Zur Person: Noha Abdel-Hady stammt aus Hamburg und hat dort Islam-, Religions- und Politikwissenschaften studiert. Während des Studiums arbeitete sie am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht.
Arbeitstitel: Islamisch-feministische Theologie im Bereich des fiqh an-nisa‘ (frauenbezogene Rechtswissenschaft). Die weibliche fatwa (Rechtsgutachten) zwischen Ablehnung und Popularität
Schwerpunkt: Islamisches Recht
Zum Thema: Traditionell haben männliche Gelehrte religiöse Angelegenheiten im Bereich der Jurisprudenz (fiqh) und der religiösen Rechtsgutachten (fatwa) monopolisiert. In den letzten vierzig Jahren haben sich Frauen jedoch Zugang zu theologischen Ausbildungen und Institutionen verschafft, an denen sie eine „weibliche Theologie“ präsentieren können. Die Dissertation untersucht diese Teilhabe weiblicher Gelehrter an der Jurisprudenz durch das Aufstellen eigener weiblicher religiöser Rechtsgutachten, um Unterschiede, Merkmale und Tendenzen der frauenbezogenen Rechtswissenschaft zu erforschen. Kennzeichen dieser weiblichen Rechtsgutachten ist der reformerische Gedanke und die damit bezweckte gesellschaftliche Neuordnung. Nur durch die Teilhabe der Frauen am theologisch-juristischen Diskurs kann es zu einer gendergerechten und zeitgemäßen Jurisprudenz kommen und eine innere Reform des islamischen Denkens verwirklicht werden. Weibliche Gelehrte können neue Perspektive eröffnen und die bestehende theologische Rechtswissenschaft bereichern. Damit soll die Arbeit ein bis jetzt verborgendes weibliches Gesicht der islamischen Jurisprudenz zum Vorschein bringen.

Hureyre Kam
Universität Frankfurt
Betreuer: Prof. Dr. Ömer Özsoy, Prof. Dr. Abdullah Takim
Zur Person: Hureyre Kam ist in Denizli (Türkei) geboren, studierte in Berlin Philosophie und Islamwissenschaften und engagiert sich als Vorsitzender des Berliner Theologenvereins im interreligiösen Dialog.
Arbeitstitel: Die Methodologie Abu Mansur al-Maturidis. Eine hermeneutische Studie zu al-Maturidis „Ta’wilat ahl al-sunna“
Schwerpunkt: Koranwissenschaften
Zum Thema: In der Gegenwart besteht zwischen dem Muslim und seinem heiligen Text, dem Koran, eine Kluft, die es dem Gläubigen erschwert, den Inhalt dieses Textes zu durchdringen. Daher ist es geboten, neue Denkansätze zu wagen und zu untersuchen, ob die klassischen Methoden der Koranexegese erweiterungsbedürftig bzw. -fähig sind. Dies geschieht in dieser Arbeit anhand einer Untersuchung der Methodologie Abu Mansur al-Maturidis, einem einflussreichen frühen sunnitischen Theologen, der sich durch den hohen Stellenwert auszeichnet, den er der Vernunft bei der Exegese beigemessen hat. So gelangte al-Maturidi bereits im 9. Jh. zu der Meinung, dass Staat und Religion voneinander zu trennen seien. Während die Lehren des anderen großen Zeitgenossen al-Maturidis - al-Asch'ari - jedoch bis heute das sunnitische Denken prägen, wurde al-Maturidi kaum tradiert. Diese Arbeit soll einen Beitrag zu dessen neuerlicher Rezeption leisten.

Tolou Khademalsharieh
Universität Münster
Betreuer: Prof. Dr. Mouhanad Khorchide
Zur Person: Tolou Khademalsharieh ist in Teheran geboren und studierte in Berlin Arabistik. Bereits während des Studiums arbeitete sie im Projekt Corpus Coranicum an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften mit frühen Koranmanuskripten.
Arbeitstitel: Drei frühe Koranhandschriften und ihr Beitrag zur frühen Textgeschichte des Korans
Schwerpunkt: Koranwissenschaften
Zum Thema: Hauptsächlich mündlich tradiert, setzte angeblich bereits zu Lebzeiten Muhammads der Prozess der Verschriftlichung des Korans ein, um Form und Inhalt des heiligen Textes verlässlich zu bewahren. Somit entstanden die frühen Koranmanuskripte, die zunächst in der archaischen Hijazi-Schrift ohne Vokalisation und später in einer entwickelten Schrift, der sogenannten Kufi-Schrift, zum größten Teil mit Vokalisation niedergeschrieben wurden. Das Projekt bearbeitet drei frühe Korankodizes in kufischer Schrift aus dem 8./9. Jh., die über Vokalisationszeichen verfügen. Zunächst soll das komplexe System der Vokalisierung jedes Kodex herausgearbeitet werden, um dann eine genaue und korrekte Transliteration des Textes anzubieten. Die Analyse der frühen vokalisierten Koranhandschriften trägt dazu bei, einen Eindruck von den geläufigen Lesarten vor ihrer endgültigen Kanonisierung und darüber hinaus der frühen Textgeschichte des Korans zu gewinnen.

Serdar Kurnaz
Universität Frankfurt am Main
Betreuer: Prof. Dr. Ömer Özsoy
Zur Person: Serdar Kurnaz aus Remscheid hat in Frankfurt am Main Islamische und Jüdisch-Christliche Religionswissenschaften und Pädagogik studiert. Der ausgebildete Imam ist Mitherausgeber der Zeitschrift für islamische Studien (ZIS).
Arbeitstitel: Ableitungsregeln im klassisch-islamischen Recht (istinbat al-hukm) – die Spannung zwischen Offenbarung, Sprache, Text, Verstehen und Gesetzgebungskompetenz (taschriʿ)
Schwerpunkt: Islamisches Recht
Zum Thema: Das Dissertationsprojekt behandelt die Frage, wie die textuellen Quellen im islamischen Recht – Koran und Sunna – ausgelegt werden müssen, um rechtliche Bestimmungen abzuleiten. Die Methoden, die hierfür angewendet werden, werden in der klassisch-islamischen Rechtsmethodologie istinbaṭ al-hukm genannt. Da aber das islamische Recht sich göttlich begründet sieht, müssen vor der Analyse der Ableitungsmethoden (rechts-) philosophische und theologische Themen wie „was Offenbarung, Sprache, Verstehen und Text ist“ behandelt werden. Das Projekt wird – so die Ausgangsthese – zeigen, dass die literarisch-interpretative Seite des islamischen Rechts kompatibel mit dem positiven Recht, den wandelnden Umständen anpassungsfähig und ausbaufähig bzw. nicht endgültig abgeschlossen ist.

Nimet Seker
Universität Münster
Betreuer: Prof. Dr. Mouhanad Khorchide
Zur Person: Nimet Seker studierte in Köln Islamwissenschaften, Germanistik und Ethnologie, arbeitet als Redakteurin für das Islamportal Qantara.de und als Lehrbeauftragte am Orientalischen Seminar der Universität Köln und ist Herausgeberin des Magazins Horizonte. Zeitschrift für muslimische Debattenkultur.
Arbeitstitel: „Feministische“ Koranhermeneutik: Geschlechtergerechte Lesarten des Koran im Werk von Amina Wadud und Asma Barlas
Schwerpunkt: Koranwissenschaften
Zum Thema: Seit den 1970er Jahren treten vermehrt weibliche muslimische Gelehrte auf, die sich mit einer kritischen Revision von frauenfeindlichen und patriarchalischen Lesarten des Korans beschäftigen und den „klassischen“ Auslegungen alternative Methoden und Interpretationen entgegenhalten. Zentrale These dieser weiblichen Gelehrten ist: Der Koran sieht kein patriarchalisches Gesellschaftsmodell vor, sondern setzt durch die Offenbarung einer misogynen Gesellschaft ein emanzipatorisches Modell entgegen, das auf Geschlechtergerechtigkeit hinausläuft und auf die heutige Zeit übertragen die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung von Mann und Frau zu Folge haben muss. Die Dissertation untersucht die Arbeiten von Amina Wadud und Asma Barlas, zwei prominenten Vertreterinnen dieses "feministischen Islams", in Hinblick auf ihre geschlechtergerechten Koranauslegungen und die Grenzen ihrer Hermeneutik, um eine eigene weiterentwickelte Auslegung von Koranpassagen zum Geschlechterverhältnis mithilfe linguistischer und kontextualisierender Methoden zu entwickeln.

Ufuk Topkara
Universität Paderborn
Betreuer: Prof. Dr. Klaus von Stosch
Zur Person: Ufuk Topkara stammt aus Berlin, studierte an der dortigen Humboldt-Universität und an der Harvard University Geschichte und Philosophie. Als Islam-Referent der Evangelischen Akademie Berlin, Mitglied des Jewish-Turkish Roundtables for Dialogue in Berlin und der Katholischen Akademie „Christentum und Islam“ engagierte er sich im interreligiösen Dialog.
Arbeitstitel: Die ästhetische Selbststilisierung im Islam als Geste der Zuweisung eines Raums für Gott im Leben des Gläubigen. Untersuchungen zur Konvergenz von Offenbarung und Vernunft im Islam
Schwerpunkt: Systematische Theologie (Kalam)
Zum Thema: Wenn die durch den Glauben postulierten ethischen Prinzipien auch mit Mitteln der Vernunft zu ergründen sind, stellt sich unausweichlich die Frage nach der Berechtigung des Glaubens. Müsste nicht der Glaube dann der Vernunft untergeordnet werden, wenn alles Ethische ohnehin mit Mitteln der menschlichen Vernunft ergründet werden kann? Diese Arbeit möchte im Zuge einer ästhetischen Rekonstruktion des muslimischen Offenbarungsverständnisses zeigen, dass der Koran mehr als nur ethische Konzepte verkörpert und dass bestimmte Aspekte des Glaubens, wie die Liebe zu Gott, nicht durch die Mittel der Vernunft allein erschlossen werden können. Im Ergebnis muss sich aber - so die These - weder der Glaube der Vernunft unterordnen noch die Vernunft dem Glauben, beide stehen vielmehr in Konvergenz zueinander.

Fahimah Ulfat
Universität Erlangen-Nürnberg
Betreuer: Prof. Dr. Harry Harun Behr
Zur Person: Fahimah Ulfat, geboren in Kabul, studierte in Essen Lehramt und arbeitete als Grundschullehrerin. Während des Erweiterungsstudiums der Islamischen Religionspädagogik in Osnabrück war sie als wissenschaftliche Hilfskraft verantwortlich für die Zeitschrift HIKMA und erstellte eine Arbeitsheftreihe für den islamischen Religionsunterricht.
Arbeitstitel: Die subjektiv-relative Wertdimension als Schlüssel zum Gottesbild bei muslimischen Kindern - eine empirische Studie
Schwerpunkt: Islamische Religionspädagogik und Fachdidaktik
Zum Thema: Das Promotionsprojekt widmet sich der bisher unerforschten Frage nach dem Gottesbild muslimischer Kinder im Grundschulalter. Eine zentrale Eigenschaft Gottes aus islamischer Sicht ist „Gerechtigkeit“, die alle weiteren Eigenschaften Gottes umfasst. Da Kinder erwiesenermaßen über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn verfügen, verfolgt die Arbeit das Ziel, das Gottesbild bei Kindern über ihr subjektives Gerechtigkeitsempfinden nachzuvollziehen. Eine kindgerechte und bewährte Methode ist dabei der Einsatz von Dilemma-Geschichten, die die Wahl zwischen zwei konkurrierenden Handlungsweisen erfordern. Dazu bieten sich Geschichten aus dem Koran an, in denen das Handeln Gottes deutlich wird. Fragestellungen, die die Empathie der Kinder erwecken und Emotionszuschreibungen, die ihre religiöse Motivation erfassen, werden in einer Studie ausgewertet und kategorisiert. Damit bildet das Projekt eine wissenschaftliche Grundlage für die Erstellung von Lehrmaterialien und die Konzipierung von Lehrplänen für den Islamischen Religionsunterricht.
