Die Kollegiaten und ihre Dissertationsthemen

Noha Abdel-Hady
Universität Hamburg
Betreuerin: Prof. Dr. Katajun Amirpur
Zur Person: Noha Abdel-Hady stammt aus Hamburg und hat dort Islam-, Religions- und Politikwissenschaften studiert. Während des Studiums arbeitete sie am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht.
Arbeitstitel: Islamisch-feministische Theologie im Bereich des fiqh an-nisa‘ (frauenbezogene Rechtswissenschaft). Die weibliche fatwa (Rechtsgutachten) zwischen Ablehnung und Popularität
Schwerpunkt: Islamisches Recht
Zum Thema: Traditionell haben männliche Gelehrte religiöse Angelegenheiten im Bereich der Jurisprudenz (fiqh) und der religiösen Rechtsgutachten (fatwa) monopolisiert. In den letzten vierzig Jahren haben sich Frauen jedoch Zugang zu theologischen Ausbildungen und Institutionen verschafft, an denen sie eine „weibliche Theologie“ präsentieren können. Die Dissertation untersucht diese Teilhabe weiblicher Gelehrter an der Jurisprudenz durch das Aufstellen eigener weiblicher religiöser Rechtsgutachten, um Unterschiede, Merkmale und Tendenzen der frauenbezogenen Rechtswissenschaft zu erforschen. Kennzeichen dieser weiblichen Rechtsgutachten ist der reformerische Gedanke und die damit bezweckte gesellschaftliche Neuordnung. Nur durch die Teilhabe der Frauen am theologisch-juristischen Diskurs kann es zu einer gendergerechten und zeitgemäßen Jurisprudenz kommen und eine innere Reform des islamischen Denkens verwirklicht werden. Weibliche Gelehrte können neue Perspektive eröffnen und die bestehende theologische Rechtswissenschaft bereichern. Damit soll die Arbeit ein bis jetzt verborgendes weibliches Gesicht der islamischen Jurisprudenz zum Vorschein bringen.

Dara Alani
Universität Erlangen-Nürnberg
Betreuer: Prof. Dr. Reza Hajatpour
Zur Person: Dara Alani hat in Erbil (Irak), Bern und Bochum Islamwissenschaften und Geschichte studiert.
Arbeitstitel: Suhrawardī und Ǧīlī im Gespräch mit der Moderne. Zur Frage der Begründbarkeit islamischer Theologie aus einer mystischen Tradition
Schwerpunkt: Systematische Theologie und Islamische Philosophie, Mystik
Zum Thema: In diesem Dissertationsvorhaben wird davon ausgegangen, dass die vorherrschende Theologie nicht selbstverständlich ist, sondern - auch und besonders durch Rückgriff auf die Traditionen - kreativ neugestaltet werden kann. In der islamischen Geistesgeschichte findet sich eine reiche Tradition von Theologen, Philosophen und Mystikern, die sich fundiert mit grundsätzlichen Fragen auseinandersetzten und somit viel Stoff bieten, der im Hinblick auf neue theologische Positionen aktualisiert werden kann.
In der Arbeit sollen die Schriften und Konzepte der als Mystiker oder Philosophen bekannten Denker Šahāb ad-Dīn Suhrawardī« (gest. 1191) und 'Abd al-Karīm al-Ǧīlī« (gest. 1422) untersucht werden. Im Zentrum dieser Auseinandersetzung steht die Frage nach ihrer Haltung zu religiöser Pluralität und wie diese Haltung für die Anforderungen unserer globalisierten und religionspluralen Welt fruchtbar gemacht werden kann.

Abdelaali El Maghraoui
Universität Tübingen
Betreuer: Prof. Dr. Mouez Khalfaoui
Zur Person: Abdelaali El Maghraoui hat nach seinem Abitur in Marokko in Tübingen Islamwissenschaften und Wirtschaft studiert und war dort wissenschaftliche Hilfskraft am Forschungskolleg "Medienumbrüche".
Arbeitstitel: Islamrechtliche Aspekte des Islamic Banking & Finance. Möglichkeiten und Grenzen islamkonformer Finanzprodukte in Deutschland
Schwerpunkt: Islamisches Recht
Zum Thema: Das islamische Bank- und Finanzwesen, englisch Islamic Banking and Finance, etablierte sich primär aufgrund des im Koran und in der Prophetentradition (sunna) formulierten Verbots von Zins- und Spekulationsgeschäften. Gestützt auf klassische Werke des Islamischen Rechts haben die Theoretiker des Islamic Banking and Finance verschiedene Finanztechniken als Ersatzgrößen zu herkömmlichen Zins- und Spekulationsoperationen entwickelt. Die Erfindung solcher Finanzinstrumente zeigt einerseits, dass das Islamische Recht ausbau- und anpassungsfähig ist. Andererseits sollen sie jenen Muslimen, die das konventionelle Finanzwesen per se ablehnen, eine Alternative zur Teilnahme am Finanzmarkt bieten. Inwiefern die islamisch konzipierten Finanzinstrumente tatsächlich den finanzdienstlichen Herausforderungen unserer Zeit gerecht werden können, wird in der Dissertation untersucht. Zusätzlich verfolgt sie das Ziel, die Einführung islamkonformer Finanzprodukte, die sich als praktikabel und hilfreich nachweisen ließen, in Deutschland zu untersuchen.

Almedina Fakovic
Universität Tübingen
Betreuer: Prof. Dr. Erdal Toprakyaran
Zur Person: Almedina Fakovic ist in Wiesbaden geboren und hat in Mainz und Istanbul Philosophie und Ethnologie studiert.
Arbeitstitel: Islamisch-mystische Netzwerke in Europa. Das Beispiel der Sufi-Bewegung Hazret Inayat Khans
Schwerpunkt: Islamische Geschichte und Gegenwartskultur
Zum Thema: Der indische Musiker und Sufi Hazrat Inayat Khan (1882-1927) verließ 1910 seine Heimatstadt und begab sich auf den Weg in Richtung USA. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, eine moderne Mystik für den säkularen Menschen zu entwickeln. Dort angekommen verband Inayat Khan die traditionellen Sufi-Methoden und Praktiken mit einer westlich-orientierten Lebensweise. Es fanden sich relativ schnell zahlreiche Interessierte und Schüler, weswegen er 1917 die bis heute aktive „Internationale Sufi-Bewegung“ in London gründete. Der sechzehn Jahre lange, ununterbrochene Aufenthalt im Westen (darunter auch England, Holland, Belgien, Skandinavien, Dänemark, Frankreich und Deutschland) formte allmählich die Mystik des Inayat Khan, die seine Schüler als „Universellen Sufismus“ bezeichnen. Ziel des Promotionsprojekts ist es, durch geschichtswissenschaftliche und ethnologische Methoden (teilnehmende Beobachtung, Interviews und kritische Textanalyse) die Beschaffenheit des „Universellen Sufismus“ Inayat Khans, sowie ihren Einfluss auf die Anhänger in Deutschland, Holland und Frankreich darzustellen. Es handelt sich bei diesem Vorhaben also zugleich um eine religionshistorische, als auch religionsethnologische Studie.

Zishan Ahmad Ghaffar
Universität Münster
Betreuer: Prof. Dr. Mouhanad Khorchide
Zur Person: Zishan Ahmad Ghaffar stammt aus Kiel, wo er Philosophie, Islamwissenschaften und evangelische Theologie studiert hat und Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung war.
Arbeitstitel: Zur Kriterienfrage in der Leben-Muhammad-Forschung
Schwerpunkt: Systematische Theologie/ Geschichte und Gegenwartskultur des Islam
Zum Thema: Für das eigene Glaubensverständnis der Muslime und Christen spielen Muhammad- und Jesusbilder eine bedeutende Rolle. Diverse Faktoren tragen zur Entstehung des jeweiligen Bildes bei, dessen Wirkmächtigkeit von der Überzeugung getragen wird, dass man über historisch zuverlässige Informationen über Muhammad und Jesus verfügt. In dem hier angestrebten Dissertationsprojekt sollen die Kriterien zusammengefasst und diskutiert werden, anhand derer man zuverlässig das Leben des Propheten Muhammad rekonstruieren kann. Dabei sollen gerade die Erkenntnisse aus der kritischen Leben-Jesu-Forschung für die Leben-Muhammad-Forschung fruchtbar gemacht werden. Auf der Grundlage dieses interdisziplinären Ansatzes sollen neue Perspektiven für die Muhammad-Forschung aufgezeigt werden.

Ali Ghandour
Universität Münster
Betreuer: Prof. Dr. Mouhanad Khorchide
Zur Person: Ali Ghandour ist in Casablanca (Marokko) geboren, hat Arabistik und Politikwissenschaften in Leipzig studiert und ist ehrenamtlicher Dozent beim Projekt Madrasah.de.
Arbeitstitel: Die Rekonstruktion der Usul al-Fiqh (Rechtsgrundlagen) bei Ibn Arabi (1165-1240 n. Chr.)
Schwerpunkt: Islamisches Recht, Islamische Mystik
Zum Thema: Die muslimische Gemeinde benötigt, insbesondere in der westlichen Hemisphäre, einen Zugang zum Islamischen Recht (Fiqh), der einerseits die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umstände der Gesellschaft annimmt und andererseits seine Grundlagen in der Vielfalt der klassischen Wissenschaftstradition findet. In diesem Zusammenhang zeigt sich die bedeutende Rolle von Usul al-Fiqh, jener Disziplin, die sich nicht nur mit den Quellen und der Methodik des Fiqh beschäftigt, sondern zudem zeitlose theologische Grundthemen behandelt. So etwa das Verständnis von „Gut“ und „Böse“, die Natur des Gebotes und Verbotes, die Stellung der Vernunft bei der Rechtsfindung - letztlich allesamt Themen der Rechtsphilosophie. In dieser Dissertation wird die Rechtsmethodik des berühmten mittelalterlichen Mystikers Ibn Arabi unter Berücksichtigung der Verbindung zwischen Mystik und rechtlicher Methodenlehre rekonstruiert. Was sind die Quellen und die Methodik des Fiqhs bei Ibn Arabi? Inwieweit haben seine Tasawwuf-Lehren dessen Rechtsverständnis beeinflusst? Können seine Usul al-Fiqh heute angewandt werden, um Fragen des Fiqh in der Moderne zu beantworten? Dies sind die zentralen Fragen, auf welche diese Arbeit eine Antwort sucht.

Hureyre Kam
Universität Frankfurt
Betreuer: Prof. Dr. Ömer Özsoy, Prof. Dr. Abdullah Takim
Zur Person: Hureyre Kam ist in Denizli (Türkei) geboren, studierte in Berlin Philosophie und Islamwissenschaften und engagiert sich als Vorsitzender des Berliner Theologenvereins im interreligiösen Dialog.
Arbeitstitel: Die Methodologie Abu Mansur al-Maturidis. Eine hermeneutische Studie zu al-Maturidis „Ta’wilat ahl al-sunna“
Schwerpunkt: Koranwissenschaften
Zum Thema: In der Gegenwart besteht zwischen dem Muslim und seinem heiligen Text, dem Koran, eine Kluft, die es dem Gläubigen erschwert, den Inhalt dieses Textes zu durchdringen. Daher ist es geboten, neue Denkansätze zu wagen und zu untersuchen, ob die klassischen Methoden der Koranexegese erweiterungsbedürftig bzw. -fähig sind. Dies geschieht in dieser Arbeit anhand einer Untersuchung der Methodologie Abu Mansur al-Maturidis, einem einflussreichen frühen sunnitischen Theologen, der sich durch den hohen Stellenwert auszeichnet, den er der Vernunft bei der Exegese beigemessen hat. So gelangte al-Maturidi bereits im 9. Jh. zu der Meinung, dass Staat und Religion voneinander zu trennen seien. Während die Lehren des anderen großen Zeitgenossen al-Maturidis - al-Asch'ari - jedoch bis heute das sunnitische Denken prägen, wurde al-Maturidi kaum tradiert. Diese Arbeit soll einen Beitrag zu dessen neuerlicher Rezeption leisten.

Tolou Khademalsharieh
Universität Münster
Betreuer: Prof. Dr. Mouhanad Khorchide
Zur Person: Tolou Khademalsharieh ist in Teheran geboren und studierte in Berlin Arabistik. Bereits während des Studiums arbeitete sie im Projekt Corpus Coranicum an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften mit frühen Koranmanuskripten.
Arbeitstitel: Drei frühe Koranhandschriften und ihr Beitrag zur frühen Textgeschichte des Korans
Schwerpunkt: Koranwissenschaften
Zum Thema: Hauptsächlich mündlich tradiert, setzte angeblich bereits zu Lebzeiten Muhammads der Prozess der Verschriftlichung des Korans ein, um Form und Inhalt des heiligen Textes verlässlich zu bewahren. Somit entstanden die frühen Koranmanuskripte, die zunächst in der archaischen Hijazi-Schrift ohne Vokalisation und später in einer entwickelten Schrift, der sogenannten Kufi-Schrift, zum größten Teil mit Vokalisation niedergeschrieben wurden. Das Projekt bearbeitet drei frühe Korankodizes in kufischer Schrift aus dem 8./9. Jh., die über Vokalisationszeichen verfügen. Zunächst soll das komplexe System der Vokalisierung jedes Kodex herausgearbeitet werden, um dann eine genaue und korrekte Transliteration des Textes anzubieten. Die Analyse der frühen vokalisierten Koranhandschriften trägt dazu bei, einen Eindruck von den geläufigen Lesarten vor ihrer endgültigen Kanonisierung und darüber hinaus der frühen Textgeschichte des Korans zu gewinnen.

Melahat Kisi
Universität Osnabrück
Betreuer: Prof. Dr. Bülent Ucar
Zur Person: Melahat Kisi aus Osnabrück hat in Köln Pädagogik, Islamwissenschaften und Ethnologie studiert und interreligiöse Fortbildungen im Projekt „Dialog leben“ durchgeführt.
Arbeitstitel: Geschlechtergerechtigkeit im islamischen Religionsunterricht
Schwerpunkt: Islamische Religionspädagogik
Zum Thema: Das Forschungsvorhaben untersucht im islamischen Religionsunterricht vorhandene, vermeintlich religiös legitimierte Geschlechterrollen und stellt die Frage nach geschlechtergerechten Ansätzen in der islamischen Religionspädagogik.
Muslimische Heranwachsende setzen sich im Laufe ihrer Identitätsbildung mit Geschlechterrollen auseinander, die ihnen durch Familie, Schule und Gesellschaft vermittelt werden. Indessen ist ein wesentliches Ziel des islamischen Religionsunterrichts die kritische Begleitung der Identitätsbildung und die Entwicklung einer religiösen Mündigkeit. Vor diesem Hintergrund sollen zum einen Geschlechterrollen und -verhältnisse in Unterrichtsmaterialien, Lehrplänen und Lehrerkommentaren theologisch und historisch analysiert werden und zum anderen Interviews mit ExpertInnen und Lehrpersonen zur Bedeutung islamischer Geschlechterrollen im Religionsunterricht durchgeführt werden. Die Auswertungen sollen geschlechtergerechte Ansätze für die Schulbuch- und Lehrplanforschung sowie die islamische Religionspädagogik generieren.

Serdar Kurnaz
Universität Frankfurt am Main
Betreuer: Prof. Dr. Ömer Özsoy
Zur Person: Serdar Kurnaz aus Remscheid hat in Frankfurt am Main Islamische und Jüdisch-Christliche Religionswissenschaften und Pädagogik studiert. Der ausgebildete Imam ist Mitherausgeber der Zeitschrift für islamische Studien (ZIS).
Arbeitstitel: Ableitungsregeln im klassisch-islamischen Recht (istinbat al-hukm) – die Spannung zwischen Offenbarung, Sprache, Text, Verstehen und Gesetzgebungskompetenz (taschriʿ)
Schwerpunkt: Islamisches Recht
Zum Thema: Das Dissertationsprojekt behandelt die Frage, wie die textuellen Quellen im islamischen Recht – Koran und Sunna – ausgelegt werden müssen, um rechtliche Bestimmungen abzuleiten. Die Methoden, die hierfür angewendet werden, werden in der klassisch-islamischen Rechtsmethodologie istinbaṭ al-hukm genannt. Da aber das islamische Recht sich göttlich begründet sieht, müssen vor der Analyse der Ableitungsmethoden (rechts-) philosophische und theologische Themen wie „was Offenbarung, Sprache, Verstehen und Text ist“ behandelt werden. Das Projekt wird – so die Ausgangsthese – zeigen, dass die literarisch-interpretative Seite des islamischen Rechts kompatibel mit dem positiven Recht, den wandelnden Umständen anpassungsfähig und ausbaufähig bzw. nicht endgültig abgeschlossen ist.

Florian Lützen
Universität Hamburg
Betreuerin: Prof. Dr. Katajun Amirpur
Zur Person: Florian Lützen aus Stuttgart hat in Khartum (Sudan), Bremen und Münster Arabistik/Islamwissenschaft und Islamische Theologie studiert.
Arbeitstitel: Studie zum Kommentar Ahmad Ibn ʿAdschibas (gest. 1808 n. Chr./1224 n. H.) zu den Lehren des Ibn ʿAtaʾ Allah as-Sakandari (gest. 1309 n. Chr./709 n. H.)
Schwerpunkt: Systematische Theologie
Zum Thema: Recht und Ethik befinden sich in einem andauernden Widerstreit. Die Methode, wie beiden Teilen der Religion ihre rechte Stelle zukommt, ist Gegenstand der Lehren des Ahmad Ibn ʿAdschiba. Der systematische Kommentar Ibn ʿAdschibas zu den Lehrsätzen des Ibn ʿAta Allah as-Sakandari zeichnet ein Bild der Lehren der Schaduliyya-Tradition, die über die Jahrhunderte das Verhältnis und die Ziele von Recht (fiqh) und Glaubenslehren (ʿaqaʾid) behandelten – der Mensch zwischen in- und extrinsischer Motivation. Hatte sich bei Ibn ʿAdschiba schließlich ein theologisch-anthropologischer Ansatz herauskristallisiert? Inwiefern derlei Ansätze in der heutigen Theologie von Nutzen sind und welche Schlüsse sich daraus für die geistesgeschichtliche Moderne des Islams ergeben, ist Angelpunkt der Arbeit. Es bedarf einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der Traditionen, die im Islam bis zum Eintritt der Moderne vorherrschten, um einen Anschluss beziehungsweise Neuanfang der Islamischen Theologie zu ermöglichen. So meint das Konzept der Sunna im herkömmlichen Sinne das Adaptieren der prophetischen Weise die Religion zu leben. Wie die Sunna der Vorausgegangenen heute anzuwenden ist und im Gegenzug die eigenen Bräuche zu definieren sind, bedarf besonderer Aufmerksamkeit, da die Motive hinter den Handlungen durch die Moderne noch immer zentraler werden.

Adris Nassery
Universität Paderborn
Betreuer: Prof. Dr. Klaus von Stosch
Zur Person: Adris Nassery, geboren in Kabul, studierte Rechtswissenschaft in Bielefeld und Islamisches Recht an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London und war zudem als Lehrbeauftragter tätig.
Arbeitstitel: Die Ratio der ethischen Grundsätze des islamischen Finanzwesens - von Ibn Rushd über Kant zu Habermas
Schwerpunkt: Systematische Theologie
Zum Thema: Die Arbeit greift jenen Wirtschaftsbereich auf, der seit der Finanzkrise 2008 als Inbegriff für moralischen Verfall steht - das Finanzwesen. Kern der Arbeit soll die analytische Ermittlung der rationalen Hintergünde der ethischen Grundsätze des islamischen Finanzwesens sein. Es soll gezeigt werden, dass das islamische Finanzwesen nicht lediglich eine technische Anwendung religiös-rechtlicher Regelungen, sondern Ausdruck einer tief verwurzelten moralischen und vor allem rational nachvollziehbaren Haltung ist. Neben der präzisen Darstellung von Ge- und Verboten des islamischen Finanzwesens ist das zentrale Anliegen herauszufinden, was die immanent-rationalen Hintergründe und Umstände der jeweiligen Vorschriften sind. Dabei wird der Bogen weit gespannt, um alle Reflexionsebenen dieses Denkansatzes zu berücksichtigen und die Vielfalt der theoretischen und praktischen Möglichkeiten aufzuzeigen, um so eventuell Ansätze zur einer islamischen Wirtschaftsethiktheorie zu entwickeln.

Nimet Seker
Universität Münster
Betreuer: Prof. Dr. Mouhanad Khorchide
Zur Person: Nimet Seker studierte in Köln Islamwissenschaften, Germanistik und Ethnologie, arbeitet als Redakteurin für das Islamportal Qantara.de und als Lehrbeauftragte am Orientalischen Seminar der Universität Köln und ist Herausgeberin des Magazins Horizonte. Zeitschrift für muslimische Debattenkultur.
Arbeitstitel: „Feministische“ Koranhermeneutik: Geschlechtergerechte Lesarten des Koran im Werk von Amina Wadud und Asma Barlas
Schwerpunkt: Koranwissenschaften
Zum Thema: Seit den 1970er Jahren treten vermehrt weibliche muslimische Gelehrte auf, die sich mit einer kritischen Revision von frauenfeindlichen und patriarchalischen Lesarten des Korans beschäftigen und den „klassischen“ Auslegungen alternative Methoden und Interpretationen entgegenhalten. Zentrale These dieser weiblichen Gelehrten ist: Der Koran sieht kein patriarchalisches Gesellschaftsmodell vor, sondern setzt durch die Offenbarung einer misogynen Gesellschaft ein emanzipatorisches Modell entgegen, das auf Geschlechtergerechtigkeit hinausläuft und auf die heutige Zeit übertragen die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung von Mann und Frau zu Folge haben muss. Die Dissertation untersucht die Arbeiten von Amina Wadud und Asma Barlas, zwei prominenten Vertreterinnen dieses "feministischen Islams", in Hinblick auf ihre geschlechtergerechten Koranauslegungen und die Grenzen ihrer Hermeneutik, um eine eigene weiterentwickelte Auslegung von Koranpassagen zum Geschlechterverhältnis mithilfe linguistischer und kontextualisierender Methoden zu entwickeln.

Ufuk Topkara
Universität Paderborn
Betreuer: Prof. Dr. Klaus von Stosch
Zur Person: Ufuk Topkara stammt aus Berlin, studierte an der dortigen Humboldt-Universität und an der Harvard University Geschichte und Philosophie. Als Islam-Referent der Evangelischen Akademie Berlin, Mitglied des Jewish-Turkish Roundtables for Dialogue in Berlin und der Katholischen Akademie „Christentum und Islam“ engagierte er sich im interreligiösen Dialog.
Arbeitstitel: Die ästhetische Selbststilisierung im Islam als Geste der Zuweisung eines Raums für Gott im Leben des Gläubigen. Untersuchungen zur Konvergenz von Offenbarung und Vernunft im Islam
Schwerpunkt: Systematische Theologie (Kalam)
Zum Thema: Wenn die durch den Glauben postulierten ethischen Prinzipien auch mit Mitteln der Vernunft zu ergründen sind, stellt sich unausweichlich die Frage nach der Berechtigung des Glaubens. Müsste nicht der Glaube dann der Vernunft untergeordnet werden, wenn alles Ethische ohnehin mit Mitteln der menschlichen Vernunft ergründet werden kann? Diese Arbeit möchte im Zuge einer ästhetischen Rekonstruktion des muslimischen Offenbarungsverständnisses zeigen, dass der Koran mehr als nur ethische Konzepte verkörpert und dass bestimmte Aspekte des Glaubens, wie die Liebe zu Gott, nicht durch die Mittel der Vernunft allein erschlossen werden können. Im Ergebnis muss sich aber - so die These - weder der Glaube der Vernunft unterordnen noch die Vernunft dem Glauben, beide stehen vielmehr in Konvergenz zueinander.

Zeki Tuncel
Universität Frankfurt am Main
Betreuer: Prof. Dr. Ömer Özsoy
Zur Person: Zeki Tuncel, geboren in Trabzon (Türkei), hat Islamische, Christliche und Jüdische Religionswissenschaften und Pädagogik in Frankfurt studiert und ist ausgebildeter Imam.
Arbeitstitel: Die Genese der Hadithmethodologie und Ibn as-Salah als Wendepunkt (usul al-hadith) - eine rezeptions- und begriffsgeschichtliche Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung der Termini sahih, ahad und mutawatir.
Schwerpunkt: Hadithwissenschaft
Zum Thema: In den Anfängen der Hadithwissenschaften gab es ein breites und reiches Spektrum von Meinungsverschiedenheiten, das eine gewisse Dynamik mit sich brachte und einige Jahrhunderte andauerte. Diese Dynamik schien mit dem Eingriff von Ibn as-Salah (gest. 643/1245) gestoppt worden zu sein. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf dem Gelehrten Ibn as-Salah und seinem Werk „ʿUlum al-Hadith“, dessen Einfluss in diesem Bereich sehr bedeutend ist. Dieses Werk wurde später zum Basistext fast aller Werke im Bereich der Hadithmethodologie. Somit verfolgt dieses Dissertationsprojekt das Ziel, die seit langer Zeit diskutierte wissenschaftliche Fragestellung, ob seit Ibn as-Salahs Wirken in der Hadithmethodologie eine völlige Stagnation herrscht, aus begriffsgeschichtlicher und diskursanalytischer Perspektive zu klären und damit eine Forschungslücke zu schließen und der in Deutschland neu entstehenden Islamischen Theologie im Bereich Hadithwissenschaften einen Beitrag zu leisten, wenn nicht unbedingt eine Klarheit zu verschaffen.

Fahimah Ulfat
Universität Erlangen-Nürnberg
Betreuer: Prof. Dr. Harry Harun Behr
Zur Person: Fahimah Ulfat, geboren in Kabul, studierte in Essen Lehramt und arbeitete als Grundschullehrerin. Während des Erweiterungsstudiums der Islamischen Religionspädagogik in Osnabrück war sie als wissenschaftliche Hilfskraft verantwortlich für die Zeitschrift HIKMA und erstellte eine Arbeitsheftreihe für den islamischen Religionsunterricht.
Arbeitstitel: Die subjektiv-relative Wertdimension als Schlüssel zum Gottesbild bei muslimischen Kindern - eine empirische Studie
Schwerpunkt: Islamische Religionspädagogik und Fachdidaktik
Zum Thema: Das Promotionsprojekt widmet sich der bisher unerforschten Frage nach dem Gottesbild muslimischer Kinder im Grundschulalter. Eine zentrale Eigenschaft Gottes aus islamischer Sicht ist „Gerechtigkeit“, die alle weiteren Eigenschaften Gottes umfasst. Da Kinder erwiesenermaßen über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn verfügen, verfolgt die Arbeit das Ziel, das Gottesbild bei Kindern über ihr subjektives Gerechtigkeitsempfinden nachzuvollziehen. Eine kindgerechte und bewährte Methode ist dabei der Einsatz von Dilemma-Geschichten, die die Wahl zwischen zwei konkurrierenden Handlungsweisen erfordern. Dazu bieten sich Geschichten aus dem Koran an, in denen das Handeln Gottes deutlich wird. Fragestellungen, die die Empathie der Kinder erwecken und Emotionszuschreibungen, die ihre religiöse Motivation erfassen, werden in einer Studie ausgewertet und kategorisiert. Damit bildet das Projekt eine wissenschaftliche Grundlage für die Erstellung von Lehrmaterialien und die Konzipierung von Lehrplänen für den Islamischen Religionsunterricht.
